Warum Anleger Zertifikate kaufen – und welches Risiko sie systematisch unterschätzen


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Immer wieder sehe ich in den mir vorgelegten Kundendepots sogenannte Zertifikate.

Diese Produkte nehmen teils wesentliche Teile des gesamten Depotvolumens ein.

Zeit, einmal grundsätzlich auf diese Produktgattung zu blicken.

Zertifikate gehören seit Jahren zu den meistverkauften Finanzprodukten in Deutschland. Sie wirken strukturiert, planbar und oft sogar defensiv.

Doch genau dieser Eindruck ist trügerisch.

Denn viele Anleger verstehen weder die tatsächlichen Kosten noch das zentrale Risiko dieser Produkte:

Sie geben ihr Geld einem Emittenten – und tragen dessen Ausfallrisiko.

Und dieses Risiko wird nicht nur unterschätzt.
Es wird oft gedanklich ausgeblendet.

Warum Anleger Zertifikate kaufen: Die Story ist stärker als die Struktur

Die Nachfrage entsteht selten aus nüchterner Analyse, sondern aus überzeugenden Narrativen:

  • „Attraktive Rendite bei Seitwärtsmärkten“
  • „Sicherheitspuffer“
  • „Defensiver als Aktien“

Was Anleger hören:

„Mehr Rendite ohne echtes Risiko“

Was sie dabei übersehen:

  • komplexe Optionsstrukturen
  • asymmetrische Risiken
  • und vor allem: die Rolle des Emittenten

Das Emittentenrisiko: Das Fundament – nicht das Detail

Ein Zertifikat ist rechtlich:

Eine Inhaberschuldverschreibung

Das bedeutet:

  • kein Sondervermögen
  • kein direkter Besitz am Basiswert
  • sondern eine Forderung gegenüber einer Bank

Die unbequeme Wahrheit

Wenn der Emittent ausfällt:

  • wird das Zertifikat Teil der Insolvenzmasse
  • besteht kein Schutzmechanismus
  • droht im Extremfall Totalverlust

Und entscheidend:

Dieses Risiko besteht immer – unabhängig von der Produktstruktur.

Der psychologische Kurzschluss

In der Praxis passiert etwas anderes.

Viele Anleger bewerten das Risiko so:

  • „Die Bank ist groß“
  • „Das ist doch unwahrscheinlich“
  • „Das passiert schon nicht“

Unwahrscheinlich wird gleichgesetzt mit irrelevant.

Und genau hier liegt der Denkfehler.

Nassim Taleb und das Problem mit Wahrscheinlichkeiten

Nassim Nicholas Taleb beschreibt in seinem Werk The Black Swan ein zentrales Problem im Umgang mit Risiko:

Menschen unterschätzen systematisch seltene Ereignisse – besonders dann, wenn sie große Auswirkungen haben

„Selten“ heißt nicht „unbedeutend“

Ein Emittentenausfall ist:

  • statistisch selten
  • aber mit extremen Konsequenzen verbunden

Genau das ist ein klassischer „Schwarzer Schwan“

Die Denkfalle bei Zertifikaten

Viele Anleger denken implizit:

„Die Wahrscheinlichkeit ist so gering, dass ich sie ignorieren kann.“

Taleb würde sagen:

Genau diese Haltung ist das eigentliche Risiko

Denn:

  • kleine Wahrscheinlichkeiten werden systematisch unterschätzt
  • Extremereignisse werden ausgeblendet
  • und Modelle beruhen oft auf Annahmen, die in der Realität nicht stabil sind
Der entscheidende Punkt für Anleger

Das Emittentenrisiko ist nicht null.
Und genau deshalb ist es relevant

Denn:

  • wenn es eintritt → massiver Schaden
  • wenn es nicht eintritt → wird es vergessen

Das führt zu einer gefährlichen Fehleinschätzung:

  • Risiko wird nicht nach Schaden × Wahrscheinlichkeit bewertet
  • sondern nach Bauchgefühl

Realität statt Theorie

Der Zusammenbruch von Lehman Brothers ist das bekannteste Beispiel:

  • große, etablierte Investmentbank
  • breite Platzierung von Zertifikaten
  • Wahrnehmung: „unproblematisch“

Ergebnis:

Totalverluste für viele Anleger

Nicht wegen des Marktes.
Sondern wegen eines Ereignisses, das als „sehr unwahrscheinlich“ galt

 

Kosten: Sichtbar ist wenig – entscheidend ist das Verborgene

Zertifikate enthalten regelmäßig:

  1. Strukturierungsmargen
  2. implizite Optionskosten
  3. Spreads im Sekundärmarkt
  4. indirekte Vertriebsvergütungen

Ein Großteil dieser Kosten ist für Anleger nicht transparent nachvollziehbar.

Marktvolumen: Groß – aber erstaunlich intransparent

Der deutsche Markt wird u. a. erfasst durch den
Bundesverband für strukturierte Wertpapiere (BSW)

Ausgewiesenes Volumen: rund 100 Milliarden Euro

Und jetzt wird es interessant

Diese Zahl wirkt präzise – ist sie aber nur bedingt.

Denn:

  • sie basiert auf freiwilligen Meldungen
  • nicht alle Emittenten sind erfasst
  • es existiert keine vollständige Marktstatistik

Die unbequeme Konsequenz

Selbst die Branche kennt ihre eigene Größe nicht exakt

Das bedeutet:

  • Der Markt ist groß
  • Aber seine tatsächliche Dimension bleibt unscharf

Und genau das passt ins Bild:

  1. Komplexe Produkte
  2. Intransparente Kosten
  3. Unklare Gesamtstruktur

Wettet der Emittent eigentlich gegen den Anleger?

Das wird jedenfalls immer mal wieder behauptet.

Ich würde es anders formulieren.

Zertifikate sind kein Spiel gegen den Emittenten.
Der Emittent verdient an der Struktur – unabhängig vom Ausgang.

Für Emittenten wird es besonders lukrativ, wenn Anleger nach einer Laufzeit erneut investieren.
Und genau das passiert häufiger, wenn Produkte so konstruiert sind, dass sie die Erwartungen zumindest nicht enttäuschen.

Dann bleiben die Kunden im System und das bringt die besten Margen.

 

Fazit: Das Risiko liegt nicht im Detail – sondern im System

Zertifikate kombinieren mehrere Problembereiche:

  • schwer erkennbare Kosten
  • strukturelle Interessenkonflikte
  • komplexe Risikoprofile
  • und ein oft unterschätztes Emittentenrisiko

Und genau dieses Risiko wird regelmäßig falsch eingeordnet:

Nicht weil es häufig eintritt.
Sondern weil man glaubt, es würde nie eintreten

Schlussgedanke aus Sicht eines Honorarberaters

Wenn ein Investment darauf basiert, dass:

  • ein seltenes Risiko ignoriert wird
  • ein komplexes Produkt Vertrauen ersetzt
  • und ein externer Schuldner stabil bleiben muss

dann sollte man sich eine einfache Frage stellen:

Was passiert, wenn genau das Unwahrscheinliche eintritt?

Wenn die Antwort lautet:
→ „Dann ist ein Großteil des Kapitals weg“

dann ist das kein Detailrisiko.

Dann ist es das zentrale Risiko.

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