„Aktiv vs. passiv investieren: Gibt es „passiv" wirklich?"


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Honorarfinanz Mittelrhein · Finanz-Blog

Es gibt kein passives Investieren.
Nur ehrlichere und unehrlichere aktive Entscheidungen.

Stellen Sie sich zwei Anleger vor.

Der eine liest jeden Morgen drei Wirtschaftszeitungen, telefoniert mit seinem Fondsmanager, wechselt zweimal im Jahr die Strategie, weil „sich die Lage geändert hat". Er nennt sich einen aktiven Investor.

Der andere kauft einen MSCI-World-ETF und rührt ihn zwanzig Jahre nicht an. Er nennt sich einen passiven Investor.

Beide irren sich – zumindest ein bisschen. Und genau in diesem Irrtum steckt etwas, das jeden Anleger etwas angeht, ganz gleich, welche Strategie er verfolgt.

Die versteckten Entscheidungen im „Passiven"

Fangen wir mit der zweiten Person an, weil ihre Selbstwahrnehmung die interessantere ist.

Ein Indexfonds trifft keine Entscheidungen – das ist das Versprechen. Aber wer hat entschieden, dass der MSCI World die richtige Messlatte ist, und nicht der MSCI ACWI, der auch Schwellenländer enthält? Wer hat entschieden, dass Unternehmen nach Marktkapitalisierung gewichtet werden, und nicht gleichgewichtet oder nach Umsatz? Wer hat festgelegt, wie oft der Index neu zusammengesetzt wird, und nach welchen Kriterien ein Unternehmen aufgenommen oder ausgeschlossen wird?

All das sind Entscheidungen. Sie wurden nur nicht von Ihnen persönlich am Dienstagmorgen getroffen, sondern von einem Indexanbieter, in einem Regelwerk, das Sie wahrscheinlich nie gelesen haben. Das ist ein wichtiger Unterschied – aber es ist kein Verschwinden von Aktivität. Es ist eine Verlagerung.

Selbst die Entscheidung, in Aktien statt in Anleihen zu investieren, ist eine aktive Entscheidung. Die Aufteilung zwischen beiden ist eine aktive Entscheidung. Der Zeitpunkt, zu dem Sie einsteigen, ist eine aktive Entscheidung – auch wenn Sie sie „ich investiere jetzt, weil ich gerade Geld habe" nennen.

Vielleicht ist die ehrlichere Bezeichnung nicht „passiv", sondern regelbasiert. Der Unterschied zum klassischen aktiven Management liegt nicht darin, dass keine Entscheidungen getroffen werden – sondern wann sie getroffen werden: einmal, im Voraus, in ruhigen Momenten. Nicht wiederholt, unter Druck, mitten im Sturm.

Warum Regeln leichter durchzuhalten sind als Urteile

Hier wird es psychologisch interessant.

Odysseus band sich an den Mast, um am Gesang der Sirenen vorbeizusegeln – nicht weil er glaubte, stärker zu sein als seine eigene Versuchung, sondern weil er wusste, dass er es nicht war. Er traf die Entscheidung vorher, in einem Moment der Klarheit, und entzog sich damit der Entscheidung im Moment der Versuchung.

Regelbasiertes Investieren funktioniert nach demselben Prinzip. Die schwierige Entscheidung – wie viel Aktienquote, welche Regionen, welcher Rebalancing-Rhythmus – wird einmal getroffen, mit kühlem Kopf, ohne dass gerade die Kurse fallen oder ein Kollege von seiner Verzehnfachung bei einer Einzelaktie erzählt.

Aktives Management dagegen verlangt genau das Gegenteil: eine neue Entscheidung, immer wieder, oft in genau den Momenten, in denen Angst oder Gier am lautesten sind. Das ist keine Frage der Intelligenz. Es ist eine Frage der Wiederholungen unter emotionalem Druck – und jede Wiederholung ist eine neue Gelegenheit, sich zu irren.

Das ist vermutlich der eigentliche Vorteil des „Passiven": nicht dass es objektiv überlegen rechnet, sondern dass es weniger Gelegenheiten bietet, sich selbst im Weg zu stehen.

Das Managerrisiko – ein Risiko, das selten im Prospekt steht

Beim aktiven Investieren kommt ein Risiko hinzu, das gerne übersehen wird, weil es nicht in Schwankungsbreiten oder Sharpe Ratios auftaucht: das Risiko, sich auf einen Menschen zu verlassen. Zwei Geschichten aus der jüngeren Finanzgeschichte zeigen, wie real dieses Risiko ist.

Fallbeispiel · USA

Bill Miller und der Legg Mason Value Trust

Zwischen 1991 und 2005 gelang Bill Miller etwas, das es so vorher nicht gegeben hatte: Er schlug mit seinem Fonds 15 Jahre in Folge den S&P 500 – statistisch ein Ereignis von astronomischer Seltenheit. Miller wurde zur Legende, verwaltete zeitweise über 70 Milliarden Dollar und galt als lebender Beweis dafür, dass aktives Management überlegen sein kann.

Dann kam die Finanzkrise. Miller hatte sein Portfolio stark auf Finanzwerte konzentriert – darunter Bear Stearns und AIG. 2008 verlor sein Fonds rund 55 Prozent, während der S&P 500 „nur" etwa 37 Prozent nachgab. Der Rekordhalter der Branche wurde binnen eines Jahres zum Menetekel für Selbstüberschätzung. 2012 zog sich Miller aus dem Management des Fonds zurück.

Die unbequeme Frage, die bis heute bleibt: War die 15-jährige Serie Können – oder war sie, wie Miller selbst später einräumte, zu einem erheblichen Teil Glück, das irgendwann kippen musste? Niemand konnte das im Voraus zuverlässig unterscheiden. Auch die Anleger nicht, die ihm bis zum Schluss vertrauten.

Fallbeispiel · Großbritannien

Neil Woodford und der Fall des „britischen Warren Buffett"

26 Jahre lang galt Neil Woodford als bester Fondsmanager Großbritanniens. Als er 2014 sein eigenes Unternehmen gründete, folgten ihm private wie institutionelle Anleger in Scharen – sein Flaggschifffonds wuchs zeitweise auf über 10 Milliarden Pfund.

Woodford verschob seinen Stil zunehmend in Richtung wenig liquider, nicht börsennotierter Unternehmen – ohne dass die meisten seiner Anleger das bemerkten. Als die Performance nachließ und Anleger ihr Geld zurückwollten, konnte der Fonds diese illiquiden Positionen nicht schnell genug verkaufen. Im Juni 2019 musste der Fonds für Rücknahmen komplett geschlossen werden. Rund 300.000 Anleger saßen fest, viele davon Kleinanleger. Im Oktober 2019 wurde der Fonds endgültig abgewickelt, Woodford als Manager abgesetzt.

Die britische Finanzaufsicht FCA stellte Jahre später fest, dass Woodford und sein Unternehmen unangemessene Anlageentscheidungen getroffen und die Liquiditätsrisiken des Fonds nicht ausreichend gesteuert hatten.

Beide Geschichten haben eines gemeinsam: Der Erfolg eines aktiven Managers ist an eine einzelne Person, einen einzelnen Stil, ein einzelnes Urteilsvermögen gebunden – und dieses Urteilsvermögen kann sich ändern, ohne dass Sie es sofort bemerken. Der Track Record von gestern ist keine verlässliche Landkarte für das Verhalten von morgen.

Das ist der Kern des Managerrisikos: Sie zahlen nicht nur für höhere Kosten, sondern auch für die Abhängigkeit von einer Entscheidung, einer Person, einem Urteil – das morgen ein anderes sein kann als heute.


Wo die Rolle eines Beraters ins Spiel kommt

An dieser Stelle lohnt sich ein ehrlicher Blick auf die eigene Rolle als Berater. Denn die Odysseus-Idee von vorhin – sich in ruhigen Momenten an einen Mast binden, bevor der Sturm kommt – ist genau das, was gute Finanzplanung leisten soll. Nicht das Versprechen, den Markt zu schlagen. Sondern das Regelwerk, an das Sie sich halten können, wenn die Sirenen am lautesten singen.

Das ist auch der Grund, warum wir als Honorar-Anlageberater komplett provisionsfrei arbeiten: Ein Berater, der an Produkten verdient, hat einen strukturellen Anreiz, Ihnen die nächste Geschichte über den nächsten Star-Manager zu erzählen – Bill Miller und Neil Woodford waren beide über Jahre die „nächste Geschichte". Ein Honorarberater hat diesen Anreiz nicht. Unsere Vergütung hängt nicht davon ab, ob wir Ihnen einen aktiv gemanagten Fonds oder einen Indexfonds empfehlen, sondern ausschließlich von der Qualität der Beratung selbst.

Die eigentliche Arbeit beginnt aber nicht bei der Frage „aktiv oder passiv", sondern davor: bei der Finanzplanung. Welche Aktienquote passt zu Ihrer Lebenssituation, Ihrem Zeithorizont, Ihrer persönlichen Risikotragfähigkeit? Nach welchem Rhythmus wird rebalanciert? Wie sieht die Entnahmestrategie aus, wenn aus dem Vermögensaufbau irgendwann ein Ruhestandseinkommen werden soll? Das sind die Regeln, die im Voraus festgelegt werden müssen – in einem klaren Moment, gemeinsam mit jemandem, der kein Eigeninteresse an einer bestimmten Antwort hat.

Was bleibt

Vielleicht ist die eigentliche Frage gar nicht „aktiv oder passiv". Vielleicht lautet sie: Wessen Entscheidungen wollen Sie in Ihrem Portfolio haben – Ihre eigenen, im Voraus getroffenen und einem Regelwerk anvertrauten? Oder die eines anderen Menschen, wiederholt, unter wechselndem Druck, mit ungewissem Ausgang?

Beide Antworten sind legitim. Nur die Bezeichnung „passiv" für die erste sollte man vielleicht nicht mehr so ernst nehmen.

Ihre eigenen Regeln – im Voraus festgelegt

Wenn Sie sich fragen, wie eine für Sie passende, regelbasierte Anlagestrategie aussehen könnte, oder ob Ihr bestehendes Depot noch zu Ihrer Lebenssituation passt: In einem unverbindlichen Erstgespräch schauen wir gemeinsam und ohne Verkaufsabsicht darauf, wo Sie stehen.

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