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Entnahme im Ruhestand
„Ich lebe nur von den Dividenden" – und was dabei wirklich passiert
Kaum ein Satz fällt in Beratungsgesprächen mit Anlegern jenseits der 55 so häufig – und kaum einer klingt so beruhigend. Das Kapital bleibt angeblich unangetastet, nur die „Erträge" werden verbraucht. Eine gute Gelegenheit, einmal genauer hinzuschauen, was an dieser Vorstellung psychologisch trägt – und was ihr rechnerisch fehlt.
Es gibt kaum ein Thema, bei dem sich Bauchgefühl und Finanzmathematik so deutlich widersprechen wie bei der Frage, wie man im Ruhestand von seinem Depot lebt. Auf der einen Seite steht die weit verbreitete Strategie, in dividendenstarke Aktien, Ausschüttungsfonds oder ausschüttende ETFs zu investieren und ausschließlich von den laufenden Ausschüttungen zu leben. Auf der anderen Seite steht ein wachsender Teil der akademischen Literatur, der genau diese Trennung zwischen „Ertrag" und „Kapital" für eine gedankliche Konstruktion hält, die es an der Börse so nicht gibt.
Beide Seiten haben gute Argumente. Die spannendere Frage ist deshalb nicht, wer „recht" hat, sondern: Warum fühlt sich das eine so viel sicherer an als das andere – und stimmt dieses Gefühl mit dem überein, was tatsächlich in Ihrem Depot passiert?
01Woher die Anziehungskraft der Dividende kommt
Beginnen wir bei der Psychologie, denn sie erklärt, warum diese Strategie so beliebt ist – unabhängig davon, was die Finanzwissenschaft dazu sagt. Die Wirtschaftspsychologen Hersh Shefrin und Meir Statman haben dafür bereits 1984 ein Modell vorgelegt, das bis heute zitiert wird: die „Behavioral Life-Cycle"-Theorie. Ihre zentrale Beobachtung: Menschen führen in ihrem Kopf getrennte mentale Konten – eines für „Vermögen", eines für „Einkommen". Und aus dem Einkommens-Konto darf man ausgeben, ohne sich schlecht zu fühlen. Aus dem Vermögens-Konto etwas zu entnehmen, fühlt sich dagegen an wie ein Verstoß gegen die eigene Disziplin.
Eine Dividende landet gedanklich im Einkommens-Konto – so, als käme sie von außen, ähnlich wie früher das Gehalt oder heute die Rente. Der Verkauf von Fondsanteilen dagegen wird als Antasten der Substanz erlebt, selbst wenn am Ende exakt derselbe Betrag auf dem Konto ankommt. Diese Unterscheidung ist ökonomisch nicht haltbar, aber psychologisch enorm wirksam. Sie erklärt, warum viele Anleger lieber eine Aktie mit 4 Prozent Dividendenrendite halten als eine mit 0 Prozent Dividende und 6 Prozent Kurssteigerung – obwohl die zweite Variante das bessere Gesamtergebnis liefert.
Hinzu kommt ein zweiter, sehr menschlicher Effekt: Wer jeden Monat oder jedes Quartal eine Ausschüttung auf dem Konto sieht, muss keine aktive Entscheidung treffen. Es wird nicht verkauft, nicht getimt, nicht gezweifelt. Das Geld kommt einfach – ähnlich wie ein Lohnzettel. Gerade für Anleger, die gerade aus dem Erwerbsleben mit seinem regelmäßigen Gehaltseingang ausscheiden, ist das ein nachvollziehbares und beruhigendes Gefühl.
02Was am Ex-Tag der Ausschüttung tatsächlich passiert
Nun der Blick auf die Mechanik. Schüttet ein Unternehmen oder ein Fonds Geld aus, sinkt der Kurs am sogenannten Ex-Tag rechnerisch um exakt diesen Betrag. Aus einem Depotwert von 100 Euro mit 3 Euro Dividende werden nach der Ausschüttung 97 Euro Kurswert plus 3 Euro Bargeld – zusammen weiterhin 100 Euro. Es wird also kein neuer Wert geschaffen. Das Unternehmen verschiebt lediglich einen Teil seines Vermögens von der Bilanz auf Ihr Konto.
Das ist im Kern das sogenannte Dividenden-Irrelevanz-Theorem, das Merton Miller und der spätere Nobelpreisträger Franco Modigliani bereits 1961 formuliert haben: Unter idealisierten Marktbedingungen ist es für das Gesamtvermögen eines Anlegers unerheblich, ob ein Unternehmen Gewinne ausschüttet oder einbehält – solange die Mittel im Unternehmen ähnlich rentabel weiterarbeiten. Die Dividende ist demnach keine zusätzliche Rendite, sondern lediglich eine von mehreren Formen, in der bereits vorhandener Wert realisiert wird.
Man kann eine Ausschüttung deshalb als das betrachten, was sie ökonomisch tatsächlich ist: ein automatischer, fremdbestimmter Teilverkauf. Der einzige Unterschied zu einem selbst veranlassten Verkauf von Fondsanteilen ist, dass Sie nicht entscheiden, wann und wie viel „verkauft" wird – das entscheidet die Ausschüttungspolitik des Unternehmens oder Fonds für Sie.
03Die Steuerrechnung, die selten mitgedacht wird
Genau an diesem Punkt wird es für deutsche Anleger konkret unangenehm. Eine Ausschüttung ist in dem Jahr, in dem sie zufließt, in voller Höhe steuerpflichtig – mit Abgeltungsteuer, Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer. Bei Fonds und ETFs greift zusätzlich die Teilfreistellung nach § 20 InvStG, die einen Teil der Erträge von vornherein steuerfrei stellt – bei Aktienfonds sind das 30 Prozent, bei Mischfonds 15 Prozent. Wer dagegen direkt in Einzelaktien investiert, kennt diese Vergünstigung nicht: Dividenden von Einzeltiteln werden ohne Teilfreistellung in voller Höhe besteuert. Unabhängig von dieser Unterscheidung gilt aber in beiden Fällen dasselbe Grundprinzip: Die Steuer wird sofort mit Zufluss fällig – ganz gleich, ob Sie das Geld tatsächlich zum Leben brauchen oder ob Sie es umgehend wieder anlegen wollen.
Ein thesaurierender Fonds dagegen behält die Erträge im Fonds und reinvestiert sie automatisch. Besteuert wird hier nur die sogenannte Vorabpauschale – ein fiktiver Mindestertrag auf Basis des Basiszinses, der in den vergangenen Jahren bei niedrigem Zinsniveau oft nahe null oder sogar bei null lag. Der entscheidende Unterschied: Bei der Ausschüttung wird sofort und vollständig besteuert. Bei der Thesaurierung wird die Steuer auf einen späteren, vom Anleger selbst gewählten Verkaufszeitpunkt verschoben – und bis dahin arbeitet der eigentlich fällige Steuerbetrag weiter im Depot mit.
Zur Veranschaulichung
Ein Depot von 300.000 Euro, 20 Jahre Anlagedauer, unterstellte 6 Prozent Rendite pro Jahr vor Steuern – rein illustrativ, keine Prognose. Schüttet das Depot laufend 3 Prozent davon jährlich aus und werden diese Ausschüttungen sofort mit rund 26,4 Prozent Abgeltungsteuer plus Soli belastet, sinkt der Zinseszinseffekt spürbar. Bleiben die Erträge dagegen im Fonds und wird lediglich die deutlich geringere Vorabpauschale versteuert, bleibt über zwei Jahrzehnte ein niedriger fünfstelliger Betrag mehr im Depot – allein durch den Zeitwert der aufgeschobenen Steuer, bei sonst identischer Wertentwicklung des zugrunde liegenden Index.
Illustrative Modellrechnung, keine Prognose. Beide Depots erzielen dieselbe Bruttorendite des zugrunde liegenden Index; der Unterschied entsteht ausschließlich durch den Zeitpunkt der Besteuerung.
Wichtig dabei: Das ist kein Plädoyer gegen Ausschüttungen an sich, sondern eine reine Frage des Timings der Steuerlast. Wer die Ausschüttung ohnehin zum Leben braucht, hätte im thesaurierenden Modell ja auch Anteile verkaufen müssen – und auch das löst eine Steuerzahlung aus. Der Unterschied entsteht nur bei dem Teil der Ausschüttung, der eigentlich gar nicht gebraucht, sondern doch wieder angelegt wird. Und genau dieser Teil ist bei vielen Dividendenstrategien größer, als den meisten Anlegern bewusst ist.
04Die unauffällige Konzentration im Depot
Neben der Steuerfrage gibt es einen zweiten Aspekt, der in der Diskussion um Dividendenstrategien oft untergeht: Wer gezielt nach hoher Ausschüttungsrendite selektiert, baut sich – meist unbewusst – ein Portfolio mit einer sehr spezifischen Sektor- und Faktorstruktur. Hohe, verlässliche Dividenden finden sich überdurchschnittlich häufig bei Banken, Versicherungen, Versorgern, Energiekonzernen und etablierten Konsumgüterherstellern. Wachstumsstarke Unternehmen aus Technologie, Biotech oder jungen Branchen schütten dagegen naturgemäß selten oder gar nicht aus – sie reinvestieren ihre Gewinne, um zu wachsen.
Ein konsequent auf Dividendenrendite ausgerichtetes Portfolio ist also selten ein neutraler Abbild des Gesamtmarkts, sondern häufig eine implizite Wette auf bestimmte Branchen – und tendenziell auch auf werthaltiger bewertete Unternehmen, wie sie der akademisch etablierte „Value"-Faktor beschreibt. Ganz deckungsgleich sind Dividendenrendite und Value-Faktor dabei nicht: Die Forschung dazu zeigt über verschiedene Marktphasen hinweg eine spürbare, aber keineswegs vollständige Überschneidung. Für die Praxis bleibt trotzdem der Kern bestehen: Wer nach Ausschüttungshöhe selektiert, kauft in aller Regel unbewusst einen Branchen- und Bewertungs-Tilt mit ein. Das muss nicht falsch sein – aber es ist eine strukturelle Entscheidung, die man idealerweise bewusst trifft, statt sie unabsichtlich über die Ausschüttungshöhe einzukaufen.
Problematisch wird es dort, wo genau diese Sektoren in einer Krise besonders unter Druck geraten. In der Finanzkrise 2008/2009 kürzten zahlreiche Banken ihre Dividenden drastisch oder strichen sie ganz – ausgerechnet die Titel, die zuvor als besonders verlässliche Einkommensquelle galten. Ähnliches war 2020 bei Öl- und Energiewerten zu beobachten. Der Wunsch nach einem stabilen, planbaren Einkommensstrom trifft in solchen Phasen auf eine Realität, in der genau dieser Strom am wenigsten stabil ist – meist genau dann, wenn er am dringendsten gebraucht wird.
05Die eigentliche Alternative: der geplante Entnahmeplan
Aus finanzwissenschaftlicher Sicht lautet die naheliegende Alternative nicht „Ausschüttung oder gar nichts verkaufen", sondern der sogenannte Total-Return-Ansatz mit systematischem Entnahmeplan: Das Depot wird nach Rendite-, Kosten- und Risikogesichtspunkten global diversifiziert aufgebaut – unabhängig davon, ob die einzelnen Bestandteile ausschütten oder thesaurieren. Der Lebensunterhalt wird anschließend durch regelmäßige, selbst festgelegte Verkäufe eines festen Betrags oder eines festen Prozentsatzes finanziert, ganz gleich, welche Wertpapiere im Depot gerade Erträge ausgeschüttet haben und welche nicht.
Der entscheidende Vorteil dieses Ansatzes liegt nicht in einer höheren erwarteten Rendite an sich, sondern in der Trennung zweier Entscheidungen, die bei der reinen Dividendenstrategie unnötig miteinander verknüpft sind: die Frage, wie das Vermögen strukturiert sein sollte, und die Frage, wie viel davon in einem gegebenen Jahr entnommen werden soll. Bei einem Dividendenportfolio bestimmen hunderte Unternehmensvorstände gemeinsam, wie hoch Ihr Einkommen in diesem Jahr ausfällt. Bei einem Entnahmeplan bestimmen Sie es selbst – auf Basis Ihres tatsächlichen Bedarfs, nicht auf Basis fremder Ausschüttungsbeschlüsse.
06Pro und Contra im direkten Vergleich
Damit die Abwägung nicht einseitig bleibt: Beide Ansätze haben reale Vor- und Nachteile, die sich nicht gegenseitig aufheben, sondern gegeneinander abgewogen werden wollen.
Für die Dividendenstrategie spricht
- Psychologische Entlastung: kein aktiver Verkauf, kein Timing-Zwang, kein Gefühl des „Kapitalverzehrs"
- Verhaltensdisziplin: schützt manche Anleger davor, in Crash-Phasen panisch zu verkaufen, weil der Cashflow unabhängig vom Kurs weiterläuft
- Einfachheit: keine eigene Entscheidung nötig, wie viele Anteile in welchem Markt verkauft werden
- Für Anleger, die den Gedanken an einen Depotverkauf emotional nicht aushalten, ist eine tragfähige, wenn auch nicht kostenoptimale Lösung oft besser als gar keine
Dagegen spricht
- Steuerliche Ineffizienz: sofortige, volle Besteuerung statt aufgeschobener, oft geringerer Steuer
- Unbeabsichtigte Sektor- und Faktorkonzentration statt breiter Diversifikation
- Kein Einfluss auf die Höhe des „Einkommens" – Unternehmen kürzen Dividenden oft genau dann, wenn Kapitalmärkte ohnehin unter Druck stehen
- Die Trennung zwischen „Ertrag" und „Kapital" ist eine gedankliche, keine ökonomische – der Depotwert sinkt am Ex-Tag um exakt den ausgeschütteten Betrag
| Aspekt | Ausschüttend (Dividendenfokus) | Thesaurierend + Entnahmeplan |
|---|---|---|
| Besteuerung der Erträge | Sofort, in voller Höhe | Nur Vorabpauschale, aufgeschoben |
| Diversifikation | Oft Sektor-/Faktor-Bias | Frei wählbar, i. d. R. breiter |
| Höhe des „Einkommens" | Bestimmt durch Unternehmen | Selbst festgelegt |
| Psychologischer Komfort | Hoch | Erfordert aktive Entscheidung |
| Verhalten in der Krise | Cashflow läuft weiter, kann aber sinken | Steuerbar, aber Verkauf „fühlt sich" schwerer an |
Vereinfachte, illustrative Gegenüberstellung ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Individuelle steuerliche und persönliche Umstände können die Bewertung im Einzelfall verändern. Keine Anlageempfehlung.
Eine Dividende ist kein Geschenk des Marktes, sondern ein automatischer Teilverkauf, den nicht Sie, sondern der Unternehmensvorstand terminiert. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob man Kapital „antastet" – das tut jede Entnahme. Die Frage ist, wer über Zeitpunkt und Höhe entscheidet: Sie selbst, oder hunderte fremde Ausschüttungsbeschlüsse.
07Eine Frage, die sich lohnt
Vielleicht ist die ehrlichste Zusammenfassung diese: Die Dividendenstrategie ist finanzwissenschaftlich selten die effizienteste Lösung – aber sie kann psychologisch die richtige sein, wenn sie den Unterschied macht zwischen „Ich bleibe investiert" und „Ich verkaufe in der nächsten Krise aus Angst alles". Ein Entnahmeplan auf Basis eines breit diversifizierten Portfolios ist strukturell überlegen – aber nur, wenn er auch tatsächlich diszipliniert durchgehalten wird, gerade dann, wenn die Kurse fallen und ein Verkauf sich falsch anfühlt.
Die interessantere Frage für Ihr eigenes Depot ist deshalb weniger, welche Strategie auf dem Papier besser abschneidet. Sie lautet eher: Was brauchen Sie tatsächlich, um in einer Krise investiert zu bleiben – ein Gefühl von „automatischem Einkommen", auch wenn es ineffizienter ist? Oder ein klarer, im Voraus festgelegter Plan, an den Sie sich unabhängig von Marktlaune halten? Beide Antworten sind legitim. Nur sollte man wissen, welche der beiden man eigentlich gewählt hat – und warum.
Welche Entnahmestrategie passt zu Ihrer Lebenssituation?
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