Falscher Zeitpunkt für die Börse? Die Psychologie dahinter


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Gedanken zur Marktlage

Der „falsche Zeitpunkt" – eine Bestandsaufnahme

Ukraine, Iran, Trump, schwache Konjunktur: Die Gründe zu warten waren selten so überzeugend. Vielleicht liegt das weniger an der Weltlage als an uns selbst.

„Gerade jetzt ist doch wirklich der falsche Zeitpunkt." Diesen Satz höre ich in Erstgesprächen regelmäßig – und fast immer mit einer Begründung, die auf den ersten Blick schwer zu widerlegen ist. Krieg in der Ukraine, seit 2022. Neue Eskalation im Nahen Osten mit direkter Beteiligung der USA und des Iran. Ein amerikanischer Präsident, dessen Entscheidungen binnen Stunden ganze Branchen bewegen können. Dazu eine deutsche Wirtschaft, die seit Jahren nicht so recht in Gang kommen will.

Das Bemerkenswerte daran: Diesen Einwand höre ich nicht nur von Laien. Auch Menschen, die sich beruflich mit Wirtschaft beschäftigen, Bilanzen lesen und Zusammenhänge klar durchdenken können, formulieren ihn – manchmal sogar mit den überzeugendsten Argumenten von allen.

Genau das hat mich in den letzten Wochen mehr beschäftigt als die Weltlage selbst. Denn wenn Fachwissen offensichtlich nicht davor schützt zu zögern, dann liegt die eigentliche Ursache vermutlich nicht in den Nachrichten – sondern in der Art, wie unser Denken mit Unsicherheit umgeht. Ein Blick auf einige dieser Mechanismen.

Der Verfügbarkeitsfehler: Was präsent ist, wirkt wahrscheinlich

Unser Gehirn schätzt die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses nicht danach ein, wie oft es statistisch eintritt, sondern danach, wie leicht uns Beispiele dafür einfallen. Ein Flugzeugabsturz in den Nachrichten lässt uns das Fliegen gefährlicher erscheinen, als es statistisch ist – während die deutlich höhere Zahl an Autounfällen kaum jemanden vom Autofahren abhält, weil sie uns nicht in Einzelbildern vor Augen geführt wird.

An den Kapitalmärkten funktioniert dieser Mechanismus genauso. Ein Kriegsausbruch, eine Waffenstillstands-Meldung, eine Zolldrohung – all das erreicht uns in Echtzeit, mit bewegten Bildern, Live-Tickern und Push-Benachrichtigungen. Die Tatsache, dass der Weltaktienmarkt in den vergangenen fünf Jahren um kumuliert rund 61 Prozent gestiegen ist, erreicht uns nicht als Push-Nachricht. Sie steht in keinem Ticker. Sie lässt sich schlicht nicht in einem einzelnen dramatischen Moment darstellen – obwohl sie die eigentlich relevantere Information für eine langfristige Anlageentscheidung wäre.

Verfügbarkeitsheuristik

Wir überschätzen die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen, an die wir uns leicht erinnern können – und Krisen erinnern sich leichter als ruhige Aufwärtsphasen.

Verlustaversion: Warum ein Rückschlag schwerer wiegt als ein Gewinn

Die Verhaltensökonomen Daniel Kahneman und Amos Tversky konnten in den 1970er-Jahren zeigen: Ein Verlust schmerzt uns emotional etwa doppelt so stark, wie ein gleich hoher Gewinn uns erfreut. 100 Euro zu verlieren fühlt sich also ungefähr so unangenehm an, wie 200 Euro zu gewinnen sich gut anfühlt.

Diese Asymmetrie erklärt einen wichtigen Teil des Zögerns. Wer investiert, wägt in Wahrheit nicht „Chance gegen Risiko" ab, wie es in der Theorie klingt – er wägt einen dumpfen, wahrscheinlichen Verlustschmerz gegen einen erst noch abstrakten, zukünftigen Gewinn ab. Und diese Waage ist nicht neutral kalibriert.

Noch verschärft wird dieser Effekt durch das, was Shlomo Benartzi und Richard Thaler „myopische Verlustaversion" genannt haben: Je häufiger wir den Wert unseres Depots kontrollieren, desto häufiger sehen wir zwangsläufig auch Verlustphasen – und desto stärker wiegt der kumulierte Schmerz dieser Momente in unserer Entscheidung, verglichen mit jemandem, der seltener hinschaut und dadurch überproportional häufiger positive Entwicklungen wahrnimmt.

Zur Einordnung: Wer sein Depot täglich prüft, sieht statistisch an fast jedem zweiten Tag einen Verlust – einfach, weil Kurse in beide Richtungen schwanken. Wer einmal im Jahr hinschaut, sieht über die vergangenen zehn Jahre in acht von zehn Jahren ein Plus. Beides beschreibt exakt dasselbe Investment. Nur das gefühlte Risiko unterscheidet sich fundamental – je nachdem, wie oft man hinschaut.

Der Rückschaufehler: Warum frühere Krisen heute harmlos wirken

Wenn Sie an den Ausbruch des Ukraine-Kriegs im Februar 2022 zurückdenken, wirkt er heute vermutlich weniger bedrohlich als damals – der Weltaktienmarkt verlor zunächst rund zehn Prozent, das Gesamtjahr schloss mit einem Minus von 12,8 Prozent, doch bis September 2023 waren diese Verluste bereits wieder vollständig aufgeholt. Rückblickend fühlt sich das fast folgerichtig an, geradezu vorhersehbar.

Das ist eine Täuschung – der sogenannte Rückschaufehler. In der Rückschau wirken vergangene Krisen überschaubarer, als sie sich im Moment selbst angefühlt haben, weil wir das Ende der Geschichte bereits kennen. Genau dieses Wissen um den Ausgang fehlt uns aber bei jeder neuen Krise, die gerade beginnt – etwa der Eskalation zwischen den USA, Israel und dem Iran in diesem Jahr, deren Waffenstillstand im Juni die Märkte binnen Stunden nach oben schnellen ließ, und deren erneutes Aufflammen Anfang Juli den Dax kurzfristig wieder um über zwei Prozent drückte.

Der Effekt hat eine unbequeme Konsequenz: Wir lernen aus vergangenen Krisen kaum etwas für den Umgang mit der aktuellen – weil sich vergangene Krisen im Rückblick systematisch harmloser anfühlen, als sie es im Moment ihres Geschehens tatsächlich waren.

2022 fühlte sich 2022 nicht wie eine Fußnote an. Erst im Rückblick wurde daraus eine.

Untätigkeit fühlt sich sicher an – ist aber auch eine Entscheidung

Nicht zu investieren erscheint als die vorsichtige, passive Variante – als würde man schlicht abwarten, bis sich die Lage beruhigt. Psychologisch betrachtet ist das eine Illusion: Wer sein Geld aus Sorge vor Marktschwankungen auf einem Konto liegen lässt, trifft damit ebenfalls eine aktive Anlageentscheidung – nur eine, die sich nicht wie eine anfühlt, weil sie keinen bewussten Klick, keine Unterschrift, keinen sichtbaren Moment der Entscheidung erfordert.

Diese Wahrnehmung hat einen Namen: Unterlassungen werden emotional milder bewertet als Handlungen, selbst wenn beide zum gleichen Ergebnis führen oder eine Unterlassung sogar das schlechtere Ergebnis erzielt. Ein Verlust durch eine bewusst getroffene Anlageentscheidung fühlt sich bedauerlicher an als ein entgangener Gewinn durch Nichtstun – obwohl beides denselben finanziellen Effekt auf das eigene Vermögen hat.

Omission Bias / Unterlassungspräferenz

Schaden durch aktives Handeln wiegt gefühlt schwerer als gleich hoher Schaden durch Unterlassen – deshalb erscheint Warten „sicherer", obwohl es ökonomisch dieselbe Entscheidung ist.

Negativitäts-Bias: Warum schlechte Nachrichten immer lauter klingen

Evolutionär betrachtet war es für unsere Vorfahren sinnvoller, eine Bedrohung einmal zu oft wahrzunehmen als einmal zu wenig. Wer ein raschelndes Geräusch im Gebüsch fälschlicherweise für einen Raubtier hielt, verlor nichts als ein wenig Aufmerksamkeit. Wer ein tatsächliches Raubtier für harmlos hielt, überlebte möglicherweise nicht. Dieses Ungleichgewicht – negative Reize stärker zu gewichten als positive – steckt tief in uns, lange bevor es Aktienmärkte oder Nachrichtensender gab.

Medienhäuser wissen das, ob bewusst oder nicht: Eine Eskalation verkauft sich besser als eine Entspannung, ein Crash-Szenario erzeugt mehr Aufmerksamkeit als eine ruhige Aufwärtsphase. Das ist kein Vorwurf an einzelne Redaktionen, sondern eine Beschreibung dessen, wonach unsere Aufmerksamkeit von Natur aus greift. Die Folge: Wer seine Einschätzung der Marktlage aus der Nachrichtendichte ableitet, bekommt systematisch ein düstereres Bild, als die tatsächlichen Kursverläufe hergeben.


Was daraus folgt – und was nicht

Ich behaupte nicht, dass Kriege, politische Unsicherheit oder eine schwache Konjunktur irrelevant für die Kapitalmärkte wären. Das wäre schlicht falsch, und jede der genannten Verzerrungen zu kennen macht einen selbst nicht immun dagegen – auch mir hilft das Wissen um die myopische Verlustaversion nicht dabei, in einer akuten Marktphase völlig gelassen zu bleiben. Das ist auch nicht der Anspruch.

Was sich aus diesen Mechanismen aber ableiten lässt, ist eine andere Reihenfolge der Fragen. Nicht zuerst: „Fühlt sich die Weltlage gerade sicher genug an?" – diese Frage wird ein menschliches Gehirn in den seltensten Fällen mit Ja beantworten, unabhängig vom Kalenderjahr. Sondern zuerst: „Woher genau stammt mein Gefühl, dass gerade jetzt ein besonders ungünstiger Moment ist – aus einer nüchternen Analyse meiner persönlichen Situation, oder aus der schieren Menge an Nachrichten, die ich in den letzten Tagen gesehen habe?"

Was das nicht bedeutet

Das ist kein Plädoyer dafür, die eigene Situation zu ignorieren oder blind zu investieren. Zeithorizont, Liquiditätsbedarf, Risikotragfähigkeit und die individuelle Lebensphase bleiben entscheidend – gerade jenseits der 50, wenn der Anlagehorizont anders zu bewerten ist als mit 30. Diese Fragen verdienen eine nüchterne, auf die eigene Situation zugeschnittene Antwort, keine aus dem Bauch heraus getroffene.

Und genau das ist der Punkt: Eine fundierte Entscheidung setzt voraus, zwischen beidem unterscheiden zu können – zwischen dem, was tatsächlich zur eigenen Situation gehört, und dem, was nur die aktuelle Nachrichtenlage in uns auslöst.

Wie sich Verlustaversion, Rückschaufehler & Co. ganz konkret anfühlen, lässt sich im Portfolio-Tagebuch an sechs echten Entscheidungsmomenten zwischen 2007 und 2026 interaktiv nachvollziehen.

Meine Beobachtung als Honorarberater

In über 35 Jahren an den Kapitalmärkten habe ich noch kein Jahr erlebt, in dem nicht mindestens ein gewichtiger Grund genannt wurde, gerade jetzt nicht zu investieren. Die Namen der Ereignisse wechseln. Die psychologischen Mechanismen dahinter bleiben erstaunlich konstant – bei Laien wie bei Fachleuten.

Ob und wie eine Investition zu Ihrer persönlichen Situation passt, lässt sich nicht pauschal beantworten – dafür sind Ihr Zeithorizont, Ihre Liquiditätsbedürfnisse und Ihr Gesamtvermögen zu individuell. Genau darüber spreche ich gerne mit Ihnen: unabhängig, wissenschaftlich fundiert und ohne Verkaufsinteresse.

Garantiert provisionsfrei und ausschließlich im Kundeninteresse.

Kostenfreies Erstgespräch

Stand der Informationen: Juli 2026. Quellen u. a. MSCI/justETF, Kahneman/Tversky (Prospect Theory), Benartzi/Thaler (Myopic Loss Aversion), Charles Schwab, dpa-AFX. Dieser Beitrag dient der Einordnung und stellt keine individuelle Anlageberatung dar. Historische Renditen sind kein verlässlicher Indikator für die Zukunft.